Fazit am Ende des Sommers 2010…..
…….kann es das geben? Ein Fazit (v. lat. facit für „es macht“, „es ergibt“), eine bewertende Zusammenfassung? Woran wäre diese zu messen?
Allerdings: ein zu Ende gehender Sommer wie dieser „Katastrophen-sommer“ weckt Erinnerungen an zurückliegende Zeiten.
Die Sommer der Kindertage stehen wieder vor Augen. Zum Beispiel in Zeiten, als die Bundesrepublik laufen lernte. Damals begann der Sommer für uns, wenn wir uns der kratzenden langen Strümpfe entledigen und kurze Hosen tragen durften. Bedeutungsträger waren die vielen Spiele und Schlupfwinkel im Garten, in Bäumen, Büschen und im Gras der Wiese, die das Futter für die Haustiere gab und den Sauerampfer für uns Kinder. Es waren Sommermonate, die geprägt waren von köstlichen Früchten, von Gerüchen, von Hühnerküken und Ziegenlämmern, von Sonne, Wolken und Regen. Von Bildern und Eindrücken, die ihren Höhepunkt im Erntedankfest fanden.
Dann die Schulzeit und die nachfolgenden Jahre der Ausbildung und des Sich-Ausprobierens. Sommer, das war zunächst Ferienreise zu Verwandten, besonders beliebt der Onkel mit dem Bauernhof. Auch das Zeltlager mit der Jugendgruppe und der Hauch von Abenteuer gehören zu dieser Phase, die Erfahrung von Freundschaft und einer Ahnung von Freiheit oder dem, was man dafür hielt. Schlafen unter freiem Himmel, nächtliche Geländespiele, Lagerfeuer.
Der nächste größere Erinnerungsanker macht den Sommer an Semesterferien fest, an der Zeit für und mit einem geliebten Menschen, an durchfeierten Nächten, an Stocherkahnfahrten vor Tübingens Altstadt und nächtlichen Spaziergängen über Göttingens Wällen, am sanften Regen unter großblättrigen Linden, an Tramper-Reisen, an Fahrradfahrten gegen den reinigenden Wind zum Schwimmen in der nahen Nordsee, an Träumen von lebenspraller Zukunft am noch nicht von der weißen Industrie zerstörten Außendeich. Der Sommer, eine Zeit, von der man in Herbst und Winter schwärmte.
Nur wenig später steht „Sommer“ für die eigenen spielenden Kinder im Garten, einer grünen Oase, in der die Entspannung rasch zu schwerer körperlicher Arbeit ausartete. Wieder Früchte und Ernte, diesmal aber auch als Pflicht, sie bis spät in der Nacht selbst zu verarbeiten. Die Urlaubsreisen mit der ganzen Familie, wunderbare Erinnerungen und überzogene Konten im nachfolgenden Alltag. Ach, es gibt so Vieles, was beim Kramen in alten Bildern und Erinnerungen den Sommer in einem zauberhaften Licht erscheinen lässt, trotz der durchaus vorhandenen politischen Gefährdungen und Bedrohungen. Nicht zuletzt in der Erinnerung an die Jahre auf einer Nordseeinsel, wo der Himmel zum Greifen nah und der Sommer mit Meeresleuchten und Sonnenuntergängen der kitschigsten Art vor den Gästen protzte.
Aber alles das war Sommer…….
Und jetzt, im Jahr 2010?
Dieser Sommer bestand aus katastrophalen Monaten. Hatte bereits das Frühjahr über viele Länder durch Erdbeben, Schneestürme, Dürre und andere Unwetter Unglück und Leid in einer nicht mehr vorstellbaren Größenordnung gebracht, so stellten die nachfolgenden Monate, die für viele Menschen hierzulande als „die schönsten Monate des Jahres“ gelten, alles bisher Dagewesene in den Schatten: vom Tropensturm „Agatha“ über Mittelamerika, über die Hochwasser in Ungarn, Tschechien und Polen, die Flutkatastrophen in Pakistan und China bis zu den verheerenden Waldbränden, die Russlands Weite überzogen – wie soll man all die schrecklichen Schicksale verkraften? Lässt sich das alles für uns verdrängen? Auch wenn es am Ende des Sommers so scheint, so haben wir in den zurückliegenden Wochen doch die belastenden Wetterbedingungen auch als unsere neue Lebenswirklichkeit wahrgenommen.
Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage nach den Ursachen und den Konsequenzen. Für den Kieler Soziologen Martin Voss, so berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) am 13. August, gibt es zwei wesentliche Ursachen solcher Katastrophen. Die eine liege in den Missständen in einer Gesellschaft und im menschlichen Versagen. Menschliche Selbstüberschätzung, die alles für möglich und machbar hält, ist – so der Soziologe - die andere Quelle des Übels. Das ewige „höher, schneller, weiter“ habe die Katastrophe fast zwangsläufig zur Folge.
Was nun zu tun ist? Vor allem vermutlich, sich nicht länger selbst zu belügen. Wir müssen Abschied nehmen. Nicht allein von der Vorstellung, dass sich unsere Erfahrungen von Sommererlebnissen in die heutigen und morgigen Zeiten transponieren lassen. Unsere Kinder und Enkelkinder verbinden längst andere, ihre Erfahrungen mit dem Symbolbegriff „Sommer“. Ob sie einst ihren Kindern davon vorschwärmen werden? Wer weiß. Vor allem aber müssen wir Abschied nehmen von dem blinden Vertrauen, dass alles irgendwie einfach so weiter gehen wird. Das wird es nicht und nach diesem letzten Sommer ahnen wir diese Wirklichkeit als unsere Zukunft. Zumal wenn man bedenkt, dass es in absehbarer Zeit kein amerikanisches Klimaschutzgesetz geben wird und China weniger denn je bereit sein wird, ein vom Westen verursachtes Umweltproblem auf Kosten der eigenen Bevölkerung zu lösen. Beides zusammen bedeutet, wie Frank Drieschner in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ vom 06.08. schreibt, „dass das große Vorhaben der globalen Klimadiplomatie gescheitert ist“. Und er fährt fort: „Was tun? Nichts zeigt den Realitätsverlust der Menschheit so deutlich wie der Umstand, dass es auf die radikal veränderte Lage keine radikal veränderten Antworten gibt. Je mehr Treibhausgase sich schon in der Atmosphäre befinden, desto weniger dürfen noch hinzukommen, an diesem schlichten Sachverhalt ändert sich nichts.“
Auch dies könnte ein Fazit des zu Ende gehenden Sommers sein. Und wenn es das wirklich wäre, dann werden wir vielleicht doch auf eine „radikal neue Lage radikal neue Antworten“ finden. Vielleicht sehr schlichte, die den Sommer wieder mit Erfahrungen eines Lebens zusammen bringen, in dem sich das Wunderbare ganz in der Nähe finden lässt.

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