Studientag Jugendprobleme aus Sicht von Kirche und Polizei

Kirchlicher Dienst

in Polizei und Zoll

der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen

 

Haus kirchlicher Dienste

Landesjugendpfarramt

 

„Wenn die Prinzen aus der Rolle fallen – abweichendes Verhalten bei männlichen Jugendlichen“

 

Die Veranstaltung fand am 29. Mai 2013 in Hannover statt.

 

Der Bericht ist weiter unten zu finden!

 

Durch Gewaltbereitschaft und deviantes Verhalten von Jugendlichen, insbesondere männlichen Jugendlichen, entstehen wiederholt Gewaltphänomene an Schulen und anderen Orten. Technische und mediale Entwicklungen sowie damit verbundene Internet-Plattformen bringen neue Formen von Gewalt mit sich. Sie transportieren ggf. kritisch zu wertende Rollenbilder, die junge Menschen zu davon betroffenen Opfern machen können.

Wenn die verantwortlichen Eltern, Schülervertreter und Schülervertreterinnen, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in diesem Kontext präventiv und ggf. angemessen repressiv tätig werden wollen, müssen sie zunächst Kenntnisse in diesem Themenfeld erwerben oder bestehende Kenntnisse vertiefen.

 

Gleiches gilt in den Bereichen Polizei und kirchliche Jugendarbeit. Dazu wollten wir mit diesem Studientag beitragen.

 

Es ist uns gelungen, sehr kompetente Referierende einzuladen:

 

Pia Magold aus dem Landeskriminalamt Niedersachsen; Olaf Jantz von „mannigfaltig e.V.“, Institut für Jungen- und Männerarbeit, Hannover; Frank Mattioli-Danker und Holger Knop, Männerbüro e. V., Hannover; Erkan Altun, Bremer JungenBüro.

 

Die Referierenden sind gegenwärtig profiliert auf ihren jeweiligen Handlungsfeldern tätig und verbinden theoretische fachwissenschaftliche Einsichten mit aktuellem Praxiswissen.

 

Wissenschaftlich fundierte, aktuelle Informationen, die für die Teilnehmenden in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern theoretisch und praxisbezogen hilfreich sind, werden so zugänglich gemacht. Der Studientag will darüber hinaus die damit befassten Personengruppen miteinander ins Gespräch bringen und den Einzelnen ermöglichen, die jeweiligen Perspektiven der anderen auf das Problemfeld wahrzunehmen.

 

Sowohl bei der Vorbereitung, als auch der Durchführung arbeiten wir in einem interdisziplinär und Institutionen übergreifend zusammengesetztem Team, um uns der komplexen Thematik sachlich und fachlich angemessen zu nähern.

Flyer für die Fachtagung
POLSeelSJuBeauftr2013Flyer.pdf
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Bericht von der Veranstaltung

„Wenn die Prinzen aus der Rolle fallen - abweichendes Verhalten bei männlichen Jugendlichen“

so lautete der Titel des Studientages am 29. Mai 2013, den der Kirchliche Dienst in Polizei und Zoll der Konföderation ev. Kirchen in Niedersachsen (vertreten durch Diakonin Heike Rohdenburg und Pastor Frank Waterstraat) und das Landesjugendpfarramt (vertreten durch Diakonin Hannelore Köhler) mit bewährten Kooperationspartnern durchführten. Vertreterinnen und Vertreter des Landeskriminalamtes Niedersachsen (Pia Magold), der Polizeidirektion Hannover (Monika Taut, Andreas Lofski) und der Niedersächsischen Landesschulbehörde (Bernd Deseniß) trugen durch ihre Mitwirkung bei Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung sehr zum Gelingen bei.

 

Der Fonds „Frieden stiften“ der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers unterstützte diese Veranstaltung mit einer namhaften finanziellen Zuwendung.

 

 

Der Fonds „Frieden stiften“ der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers unterstützte diese Veranstaltung mit einer namhaften finanziellen Zuwendung.

 

Das Institutionen übergreifende, interdisziplinäre Vorbereitungsteam war sich schnell einig, die Problematik abweichenden Verhaltens bei männlichen Jugendlichen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Daraus ergab sich die Auswahl der Referentinnen und Referenten, die den 40 Teilnehmenden jeweils wichtige Aspekte des komplexen und brisanten Themas sowohl informativ, als auch anschaulich darzustellen wussten.

 

So führte Diplompädagoge Olaf Jantz von „Mannigfaltig e.V.“ aus Hannover die Reihe der Vorträge an und sprach über „Irritationen im Rollenbild von männlichen Jugendlichen.“

Diese Irritationen im Rollenbild entstünden am ehesten dort, so Olaf Jantz, wo junge Leute nicht mehr sicher sein könnten, ob sie einen guten Platz und eine positive Perspektive in unserer Gesellschaft finden könnten. Einerseits würden die Geschlechterrollen flexibler, so seien immer mehr Mädchen in traditionellen Jungenwelten präsent und auch dort beruflich erfolgreich. Dafür sei nur ein weiteres Beispiel, dass es im Sport an Grundschulen keineswegs mehr als ungewöhnlich empfunden werde, wenn eine Mädchen-Fußballmannschaft gegen das Jungenteam gewinne. Andererseits ereigne sich der umgekehrte Weg, also das Präsentwerden von Jungen in Mädchenwelten eher selten und sei auch von der Jungenseite eher negativ konnotiert. Dieses Verwischen traditioneller und Sicherheit gebender Rollenmuster erzeuge Unsicherheit und ggf. auch Aggression.

 

Dennoch zeigten sich in der Warenwelt wieder mehr Phänomene, die eine Festlegung auf traditionelle Rollen beförderten. („Pinkifizierung“; Spielzeug, z. B. Wundertüten werden getrennt für Jungen und Mädchen angeboten, ebenso Babykleidung in blau und rosa.) Insgesamt reagierten die Jungen auf Irritationen eher mit Risikoverhalten, die Mädchen eher mit Phänomenen wie Magersucht und autoaggressivem Verhalten.

In kriminelles Handeln und Verhalten geraten, so Olaf Jantz, die Jungen eher aus Versehen hinein, als dass sie sich bewusst dafür entscheiden. Denn sich in einem bestimmten Umfeld, z. B. in einem kriminell getönten, bewusst gegen kriminelles Handeln zu stellen, erfordere ein sehr hohes Maß an Zivilcourage, das nicht selbstverständlich vorauszusetzen sei. Offenbar haben manche Jungen mehr Angst, als unmännlich zu gelten, als vor dem Prädikat „gewalttätig“.

 

Die hier zur Debatte stehende Entwicklungs- und Reifungsaufgabe für Jungen sei, zwischen Macht und Ohnmacht eine positive männliche Identität entwickeln zu müssen. Diese Aufgabe sei schon immer eine Herausforderung und sei es möglicherweise unter den heutigen Bedingungen einer pluralen und sich ständig wandelnden Gesellschaft ganz besonders.

 

Dafür wäre die Arbeit mit Jungengruppen sehr hilfreich. „Mannigfaltig“ habe die Erfahrung gemacht, dass Jungen in der vertrauensvollen Atmosphäre einer Jungengruppe gut in der Lage seien, eigene Lebensmodelle zu entwickeln und vor allen Dingen voneinander zu lernen. Für absolut notwendig hält es Olaf Jantz, mehr Männer in die pädagogische Alltagsbegleitung von Jungen zu integrieren. Durch den überwiegend weiblich geprägten Alltag von Jungen in Kindergarten und Schule gäbe viel zu wenig vorbildhafte positive männliche Rollenmodelle, an denen sich Jungen orientieren könnten.

 

Pia Magold, Landesbeauftragte für Jugendsachen im Landeskriminalamt Niedersachsen, erläuterte anschließend die Polizeiliche Kriminalstatistik bezogen auf Kinder, Jugendliche und Heranwachsende (18-21jährige) und im Vergleich zwischen jungen Männern und jungen Frauen. Sie konstatierte zunächst eine leicht fallende Tendenz bei den Tatverdächtigen bezogen auf die Jahre 2003 – 2013.

Bezogen auf die Geschlechterverteilung könne man eine grobe Einteilung der Gesamtkriminalität von 25% junger Mädchen und 75% junger Männer vornehmen. Lediglich im Bereich Ladendiebstahl holten die Mädchen sozusagen auf, hier verteilen sich die Delikte zu einem Drittel auf die Frauen. „Hier fallen auch die Prinzessinnen mit steigender Tendenz aus der Rolle“, so Pia Magold.

 

Andere Delikte wie Autodiebstahl, Raub und Körperverletzung würden ganz überwiegend von jungen Männern begangen. Bei den Intensivtätern werde das Bild noch deutlicher. Die absoluten Zahlen z. B. für 2012 seien 79 junge Männer und 1 junge Frau. In den Vorjahren sehe es ähnlich aus.

Junge Männer seien aber nicht nur Täter, sie seien auch häufiger Opfer als junge Frauen. Diese Erfahrung wirke ungemein verstörend und irritierend bei den Betroffenen und könne eine heftige, aggressive Gegenreaktion auslösen. Ein Grund, so zu reagieren, könne der Versuch sein, das schwer angeschlagene, „männliche“ Selbstbild wieder gerade zu rücken.

 

Diesen wichtigen und oft verleugneten Aspekt des Themas entfaltete Erkan Altun in seinem Vortrag. Der Diplompsychologe aus dem Bremer JungenBüro sprach über Jungen, die Opfer geworden sind und erläuterte die Hintergründe dieser Problematik.

Seiner Ansicht nach muss der gesellschaftliche Blick auf Jungen sich verändern. Jungen würden immer noch stärker eher als „Problemmacher“ wahr genommen als als Menschen, die selber Probleme haben. Täterverhalten würde stärker wahrgenommen als die Tatsache, dass Jungen oft Opfer geworden und hilfebedürftig sind. Jungen würden meist Opfer von Jungen oder Männern, seltener von Frauen oder Mädchen. Grundsätzlich sei der Blick auf die Jungen zu defizitorientiert. Das müsse sich ändern. Sozial unsichere Jungen würden in unserer Gesellschaft unsichtbar gemacht, so Altun.

Der Mythos, dass Männer ja gar keine Opfer sein könnten, mache es für die betroffenen Jungen sehr schwer, sich zu zeigen und sich Hilfe zu organisieren. Das Bremer JungenBüro will den Jungen dabei helfen, eine männliche Identität zu entwickeln trotz erlittener Gewalterfahrung, damit die Jungen nicht den Weg wählen müssen, durch eigene Gewaltausübung den Versuch zu unternehmen, die subjektiv beschädigte Männlichkeit wieder herzustellen. Das Bremer JungenBüro hat einen Leitsatz, nach dem es arbeitet: „Du darfst selber entscheiden, was für ein Mann du werden willst.“ Um Jungen zu ermöglichen, diese Maxime auch tatsächlich zu leben, sei ein kultureller Wandel nötig, der über die Arbeit im JungenBüro weit in unsere Gesellschaft hineinwirkt, z. B. in Familien und Peer-Groups.

Den Abschluss der Vorträge bildete das Thema „Praxis und Erfahrungen aus der Arbeit mit sexualisiert grenzverletzenden Jugendlichen“ Der Sozialpsychologe Hans-Dieter Knop und der Diplompädagoge Frank Mattioli-Danker vom Männerbüro Hannover präsentierten ihre Arbeit.

 

Die Zielgruppe des Männerbüros im Jugendbereich ist die Altersgruppe von (12)14 – 18 (21) Jahren. Es ist eine Arbeit mit zu Tätern gewordenen jungen Männern. Die Klienten kommen selten aus eigener Motivation, sondern meist, um weitere staatliche Zwangsmaßnahmen zu vermeiden. 24 Sitzungen sind für eine Gruppe Pflicht, in denen es darum geht, dass deviante Selbstkonzept zu verändern und ein konstruktives Selbstkonzept zu stärken. Was immer auch geschehen ist, es geht um die Reflexion des Gewesenen, um die Frage, wie es so kommen konnte und um die Integration der Geschehnisse in die eigene Persönlichkeit. Damit dies sich ereignen kann, ist ein geschützter Bereich notwenig, in dem die Klienten sich öffnen können.

Die Referenten betonten, dass sich sexualisiert grenzverletzendes Verhalten in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext ereignet, in dem die Frage, was schöne, erlaubte, gute Sexualität eigentlich ist und wie sie gelernt werden kann, nicht geklärt ist. Wie werden junge Leute dazu gebracht, in diesem Bereich Verantwortung zu übernehmen? Die Klienten, die das Männerbüro aufsuchen, kommen auch keineswegs nur aus bestimmten Schichten. Das Problem zieht sich durch sämtliche gesellschaftliche Gruppen und durch alle Milieus.

Nach diesen sehr anregenden und informativen Vorträgen folgte die Mittagspause.

 

Danach wurden Workshops angeboten. Die Teilnehmenden verteilten sich auf zwei Workshops, einerseits zum Thema „Irritationen im Rollenbild von männlichen Jugendlichen“, andererseits zu „Jungenarbeit im interkulturellen Kontext“. Sowohl Herr Knop, als auch Herr Mattioli-Danker vom Männerbüro Hannover brachten ihre Kompetenz in den Workshop von Olaf Jantz durch Diskussionsbeiträge mit ein.

 

Im Anschluss daran wurden die Ergebnisse im Plenum zusammengetragen.

 

Als Fazit der Veranstaltung hielt Pastor Frank Waterstraat vom Kirchlichen Dienst in Polizei und Zoll u. a. fest, dass das gewählte Thema des Studientages gesellschaftlich hoch brisant und relevant sei und daher interdisziplinär und Institutionen übergreifend bearbeitet werden sollte. Die Komplexität der Fragestellungen mache ein Miteinander von Einrichtungen und Fachdisziplinen sinnvoll und notwendig, so, wie es der Studientag exemplarisch abgebildet habe.

 

Hannelore Köhler, Frank Waterstraat, Heike Rohdenburg

 

 

Studientag am 12.September

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