P. Frank Waterstraat

 

Abstinenz an Weihnachten

 

Was ist richtig oder falsch, Recht oder Unrecht? Was hilft Menschen in unserem Staat, was dient demgegenüber politischen oder verbandlichen Machtinteressen oder Eitelkeiten? Wie ist mit denen umzugehen, die gefährlichen Unsinn verbreiten? Was macht man mit der Flut von einander widersprechenden Nachrichten und Kommentaren im Fernsehen, in den Printmedien, im Internet? Es scheint nach dem Grundsatz zu gehen, es ist alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Wie ein gesundes Verhältnis herstellen zwischen Überrolltwerden von Meldungen einerseits oder der Weigerung, die Krise wahrzunehmen andererseits, weil der mentale und emotionale Datenspeicher voll ist? Wie reagieren auf Menschen, die mit der tatsächlichen Verantwortungswahrnehmung jenseits hohler Rhetorik völlig überfordert wären und aus der Rolle der gefahrlos Kommentierenden heraus nahezu alles staatlich Angeordnete in Frage stellen? Dazu kommen einzelne Politikerinnen und Politiker, bei denen Bösartigkeit und Verlogenheit normales Stilmittel des öffentlichen Auftritts sind und die den verantwortlich Handelnden das Leben noch schwerer machen. Wie sich also verhalten?

 

Ich beschränke mich auf eine Option und rate zur medialen Dosisminderung bis hin zur Abstinenz.

 

Es tut nicht gut, sich tagaus tagein widersprüchliche, wahrscheinlich richtige oder eben auch falsche Meinungen anzuhören und am Ende nicht zu wissen, wo einem der Kopf steht. Der Unterschied zwischen Gift und Heilmittel liegt in der Dosierung.

 

Nur zur Sicherheit: Es geht nicht darum, den Kopf in den Sand zu stecken in der Hoffnung, dass die Krise nicht zu mir kommt, wenn ich sie nicht sehe. Sondern darum, unterscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben angesichts einer Überfülle an Information und Desinformation. Pro Tag eine gute Zeitung lesen, eine gute Nachrichtensendung schauen und einmal gezielt ins Internet, sollte reichen. Interviews der politisch immer gleichen Richtung „Dagegen“, das gefühlt hundertste Statement eines noch wichtigeren Experten, das ständige Lamentieren über den nicht möglichen Restaurantbesuch oder die verbotene Urlaubsreise (damit meine ich ausdrücklich nicht die betroffenen, um ihre Existenz kämpfenden Anbieter!) braucht kein Mensch. Möglicherweise gibt es einen Sog der Krise, des diffus Bedrohlichen, das dazu einlädt, sich immer wieder mit ihm zu beschäftigen, ohne dass es zu Erkenntnisfortschritt führte – dem sollten wir widerstehen.

 

Darf es nicht einmal einen Tag ohne die angeblich allerneueste Nachricht geben? Was soll es schaden, wenn es irgend machbar ist, 24 Stunden (oder eben weniger) medial abstinent zu sein? Die Katastrophe in Staatsnot-Dimension werden wir mitbekommen. Ich bin sicher, dass Reduktion Kräfte und Ressourcen freisetzt. Wenn wir Belastendes bewusst und gezielt nach unserer Maßgabe zum Objekt des Denkens und Handelns machen, erhalten wir uns Selbstständigkeit und Wirksamkeit. Wir entscheiden, was wir wann, wo, wie oft und mit welcher Intensität aufnehmen. Weglassen schafft Freiräume.

 

Freie Räume laden ein, genutzt zu werden. In vielen Meditationen gibt es den Gedanken des Leerwerdens, um offen zu sein für eine neue Botschaft, vielfach aus der Sphäre des Transzendenten, also des Göttlichen. Das ist dann der größte denkbare Gegensatz zum Freizeitstress, bei dem jede freie Minute selbst mit Aktivität zu füllen ist. Ähnliches scheint mir auch für Weihnachten zu gelten, zumindest unter Nicht-Corona-Bedingungen. Vielleicht bietet die aktuelle Krise eine Chance: Wenn wir es schaffen, im oben beschriebenen Sinn abstinent zu werden, könnten wir offen sein für eine neue Botschaft oder dafür, eine alte Botschaft neu zu hören.

 

Die Weihnachtsgeschichte ist eine alte Botschaft. Immer wieder Gehörtes steht jedoch in der Gefahr, als bekannt zu gelten und nicht mehr als frisch und unverbraucht wirksam. Wie wäre es denn, dieses Jahr in Ruhe im kleinen oder kleinsten Kreis sich dieser Geschichte zu nähern, sie erneut zu lesen am Anfang der Evangelien von Matthäus und Lukas, darüber nachzudenken – zu meditieren? Zu bedenken, was es für mich, meine Familie und die anderen Menschen, die mir wichtig sind, heißt, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist.

 

In den Kirchen, die unter Einhaltung der bekannten Regeln besucht werden können, wird eine Krippe stehen. Vielleicht ist in Sichtweite ein Platz frei. Oder Sie haben eine Krippe zu Hause oder ein Bild davon. Dieses Kind darin ist Gottes Sohn, geboren unter ärmlichsten Verhältnissen in einer, wie sich bald herausstellen sollte, Hochrisikosituation: der mit den Römern verbündete Landesherrscher Herodes wird ihm nach dem Leben trachten, die kleine Familie muss nach Ägypten flüchten. Gottes Sohn ist mitten in unserer Welt voller Bedrohungen, aber auch voller Freude. Also in der Welt die ist, wie sie ist. Gottes Nähe gilt auch mir. Sich das sagen: Gottes Nähe gilt auch mir. Mir ganz persönlich. Unabhängig von allem Äußeren, von Corona oder krisenfreier Zeit (soweit es sie überhaupt gibt). Gottes Zusage steht über allem. Sein Wort aus dem Alten Testament im 1. Buch Mose (8,22) ist auch uns gegeben: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

 

Mir hilft es, einen Gedanken in solchen Zeiten in Kopf und Herz zu bewegen, mich auf ihn zu konzentrieren: Gottes Nähe gilt auch mir. Auch das ist eine Form der Abstinenz, sich auf einen Inhalt zu fokussieren.

 

Möge Weihnachten Ihnen und den Menschen, die Ihnen wichtig sind, die Erfahrung zu teil werden, dass Gott Ihnen in Jesus Christus nahe ist.

 

Mögen Sie bewahrt und behütet bleiben an Leib und Seele, jetzt und in den kommenden Tagen und Wochen.

 

Mit herzlichen Segenswünschen – im Namen des Teams des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll –

 

Ihr P. Frank Waterstraat

 

Abstinenz an Weihnachten
Gedanken der ev Polizei- und Zollseelsor
Adobe Acrobat Dokument 109.1 KB

P. Frank Waterstraat

 

Verstand contra Hochmut

 

Historische Vergleiche sind mit Vorsicht zu ziehen, weil die aufeinander bezogenen Situationen nicht identisch sind und es auch nicht sein können. Dennoch sollte es erlaubt sein, über Wirkfaktoren in einer zurückliegenden und einer aktuellen Lage nachzudenken. Ich wage den Versuch mit dem Blick auf die Rolle des Verstandes und beziehe mich auf die Zeit heute und nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Meine Eltern schilderten den Krieg und seine Folgen aus eigenem Erleben. Mein Vater war seit 1943 Soldat, meine Mutter floh im Winter 1945 mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und deren sechs Monate alter Tochter von Pommern aus in den Westen. Meine Großmutter war Geburtsjahrgang 1898 und konnte noch von den Folgen der britischen Blockade im Ersten Weltkrieg erzählen, im Zweiten war sie leitende Krankenschwester in einem Lazarett. Berichte aus diesen Zeiten waren nicht heroisierend, sondern sachlich. In einer Situation lief mir ein Schauer über den Rücken, als mein Vater vom Dresdner Feuersturm berichtete, seine Stimme veränderte sich so, dass ich dachte, ein Fremder spricht. Diese Generationen haben einschneidende, brutale Erfahrungen gemacht von Verwundung, Tod, Flucht, Verlust der Heimat, Hunger, Bedrohung und Angst. Manche, wie meine Großmutter, gleich zwei Mal in ihrem Leben, in der Jugend und in mittleren Jahren, meine Eltern in der Jugend. Als ich älter wurde, erzählten sie mehr, irgendwann habe ich angefangen, über diese Zeit zu lesen, Museen zu besuchen und von anderen Zeitzeugen zu lernen. Ich möchte mich auf einen Aspekt dessen, was ich meine gelernt zu haben, konzentrieren und eine These aufstellen: Diese Generationen, wenn sie nicht schwer traumatisiert und beschädigt waren an Seele, Körper und Geist, waren bei Verstand. Sie hatten gelernt, im Rahmen allgemeiner menschlicher Fehlbarkeit wichtig von unwichtig, machbar von nicht machbar, klug von unklug zu unterscheiden. Die schwersten Verbrechen dieser Generationen seien in keiner Weise in Zweifel gezogen. Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht mir darum, wie diese Menschen in einem zerstörten Land ihr Leben angefasst und neu aufgestellt haben. Meine Vorfahren besaßen am 8. Mai 1945 entweder, was sie am Leib trugen oder für vier Personen auf einen Planwagen passte. Damit erarbeiteten sie sich das Allernötigste, tauschten, handelten, unterstützten einander. Ein Ei, ein Bier, eine Wurst, ein Brot, ein paar stabile Schuhe, ein – tatsächlich eine Sensation – Fahrrad, das waren Wegpunkte in einem harten, entbehrungsreichen Alltag. Heute Selbstverständliches war großer Luxus, z. B. essen zu gehen, einen einfachen Sonntagsausflug zu unternehmen oder in einer von der Besatzungsmacht zugewiesenen Unterkunft unter sich sein zu können. Es ging langsam, aber stetig bergauf. Mein Vater arbeitete als Helfer in der Landwirtschaft, machte eine Lehre als Maurergeselle, um dann an der Fachhochschule den Ingenieur (grad.) zu erwerben. Meine Mutter ging zur Bank arbeiten, meine Großmutter malte Porträts. Das mag für heutige Ohren so klingen, daß man denkt: „Na und?“ Vorsicht – wer das denkt, führe sich die Bilder vor Augen, die aus der Luft den Zustand deutscher Städte in dieser Zeit dokumentieren. Und vergesse nicht, welcher Selbstdisziplin es bedurfte, schreckliche Erlebnisse nicht übermächtig werden lassen und für sich selbst und ggf. andere Familienmitglieder zu sorgen, ohne dass es heutige umfassende staatliche Hilfen und Sicherungssysteme gegeben hätte.

 

Ich bin mir im Rückblick sicher, dass dabei auch ein realitätsbezogener und trainierter Verstand eine entscheidende Rolle gespielt hat. Ohne ihn mache ich keine Lehre, absolviere kein Studium, arbeite nicht bei einer Bank und male auch keine Porträts, mit denen ich Geld verdienen kann. Ohne ihn überlebe ich auch keine Flucht und keine hoch brisante Mangelsituation nach Kriegsende.

 

Wenn später Entscheidungen grundsätzlicher Tragweite zu treffen waren, war immer die Frage nach der Richtigkeit, dem Nutzen und den eigenen Möglichkeiten zu stellen. Mein Vater, dem Lateinischen sonst eher aufgrund schulischer Erfahrungen nicht zugetan, zitierte dann: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. - Was auch immer du tust, tu es klug und bedenke das Ende (die Folgen).“[1] Ich halte diesen Imperativ für schlicht richtig. Was du tust – bedenke die Folgen. Wer so handelt, handelt verstandesgemäß.

 

Meine Vorfahren kann ich nicht mehr zur gegenwärtigen Corona-Lage befragen. Über Politik wurde kontrovers gesprochen. Aber eines halte ich für sicher: Sie wären nicht losgezogen, um vorsätzlich, ohne Skrupel und rücksichtslos staatlicherseits angeordnete Maßnahmen zu unterlaufen. Die vorsätzliche Erosion einer Anordnung, die ein freiheitlich-demokratisch legitimiertes Staatswesen beschlossen hat, wäre nicht in Frage gekommen. Hätte ich das getan, hätte man mich gefragt, ob ich noch bei Verstand wäre (durchaus auch ruppiger formuliert).

 

Ich habe nicht den größenwahnverdächtigen Anspruch, genau zu wissen, was richtig ist. Aber bestimmte Regeln einzuhalten, dämmt das Virus ein. Wer noch bei Verstand ist, kann nichts anderes wollen. Und angesichts dessen, was Kriegsgenerationen durchgemacht haben, kann ich Lamentieren über das zeitweilige Ende mancher Freizeitaktivitäten nicht mehr hören (aber verstehe vollkommen die Klagen der in ihrer Existenz bedrohten Betriebe). Ich bin fassungslos über die, die ohne Verstand sich und andere in Gefahr bringen. Hätten Menschen, die heute großspurig meinen, den Verstand ausschalten zu dürfen, vor 75 Jahren das Sagen gehabt, wären wir wohl untergegangen. Im alttestamentlichen Buch der Sprüche heißt es lapidar: „Hochmut kommt vor dem Fall.“[2] Ich vermute, meine Eltern und Großeltern hatten diesen Satz nach ihren Erfahrungen verinnerlicht und benutzten in Demut ihren Verstand, um ihre Grenzen nicht zu überschreiten.

 

Gerade jetzt ist es die oft sehr unangenehme Aufgabe der Polizei, die Hochmütigen in die Schranken zu weisen um unserer aller willen und um den „Fall“ zu verhindern.

 

Wenn unsere Polizei so handelt, handelt sie biblisch und gesellschaftlich richtig.

 

Mögen Sie alle darin behütet bleiben. Seien Sie gesegnet.

 

Ihr

 

P. Frank Waterstraat mit dem Team des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll

 

 

 

 

[1] Diese Sentenz findet sich in der spätmittelalterlichen Sammlung Gesta Romanorum (deutsch: „Taten der Römer“) und könnte zurückgehen auf Äsops Fabel 45.

 

[2] Sprüche 16, 18b

 

Verstand contra Hochmut, Verfasser: F.Waterstraat
Dieser Text steht zum Download zur Verfügung
Gedanken aus der ev Polizeiseelsorge 11-
Adobe Acrobat Dokument 201.9 KB

Neben den Seminaren bieten wir weitere Veranstaltungen, sowie vertrauliche Gespräche zu persönlichen und dienstlichen Themen an. Sprechen Sie uns an und wir vereinbaren gerne einen Termin bei uns oder einem anderen neutralen Ort.

Natürlich sind wir auch telefonisch zu erreichen!

Jahresprogramm

per Mail

Wenn Sie in Zukunft das Jahresprogramm per Mail bekommen möchten, dann melden Sie sich bitte hier an!

Eine gedruckte Form gibt es nicht mehr!