P. Frank Waterstraat

 

Weisheit

 

„Wenn es jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.“ – so steht es im Neuen Testament im Brief des Jakobus, Kapitel 1, Vers 5.

 

Ich bin etwas unsicher, ob ich Ihnen wieder Gedanken aus unserer ev. Polizeiseelsorge mit auf den Weg geben soll. Es wird so viel geredet, geschrieben und gestritten. Man bekommt Meinung über Meinung im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen und im Internet präsentiert und im eigenen beruflichen und privaten Umfeld. Experten, tatsächliche und selbsternannte, geben einander nicht nur die Klinken zu den Studios der Talkshows in die Hand, sondern auch den Zugang zu digitaler oder verschriftlichter Präsenz. Gut möglich, dass eine Maßnahme auf höchster politischer Ebene beschlossen und noch am selben Tag von einem Teilnehmer genau dieser Runde in Frage gestellt wird. Oder ein mit der Aura der Wissenschaftlichkeit geschmücktes Institut taucht auf und bezweifelt, was gerade europaweit gilt. Also noch eine Meinung dazu beisteuern?

 

Ich riskiere es und fasse mich kurz:

 

Das Gebet um Weisheit, wie es der Jakobus-Brief empfiehlt, scheint mir neben der Pandemie-Bekämpfung mit das Sinnvollste zu sein, was wir tun können. Die aktuelle Unübersichtlichkeit bedarf der möglichst vorurteilsfrei prüfenden, klugen Betrachtung. Dafür sind Zeiten und Räume der Stille nötig. Es kann helfen, in Zeiten höchster Anspannung, wenn es möglich ist, aus allem heraus zu treten, sich zurück zu nehmen und zu versuchen, zur Ruhe zu kommen. Ein Bild, eine Kerze, Musik, ein Gang an ruhigem Ort, eine geöffnete Kirche, was es auch sei, das persönlich passt, kann dazu beitragen. Es wäre auch die Gelegenheit zu beten, wie es in Kopf und Herz aufscheint. Wem das nicht gegeben ist, der darf glauben, dass die Ruhe gut tun wird und Gott, das sage ich als Pastor, diesen Menschen freundlich ansieht. Und jeder darf beten oder bitten, dass Weisheit erlangt werde. Da wir das große Ganze nicht ändern können, sind wir an uns selbst gewiesen. Wenn wir selbst Weisheit erlangen und entsprechend handeln, ergibt es ein gutes Mosaiksteinchen im großen Bild. Auf diese Weise können die vielen einzelnen Steine das Bild zum besseren verändern. Es kommt auf jeden Menschen an. Wir sind alle wertvoll, vor Gott und den Menschen. Daher sind wir der Bemühung um Weisheit wert. Sie ist in der Bibel und in der Philosophie ein zentrales Gut. Bitten wir Gott darum. Oder, wie es in den achtziger Jahren an einer Mauer in Göttingen nahe dem Theologicum gesprüht stand: Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Über den Stil lässt sich streiten, über den Inhalt nicht. Und der Jakobus-Brief geht schlicht davon aus, dass dieses Gebet erhört werden wird. Es ist an uns, es zu sprechen, sei es laut oder leise:

 

„Wenn es jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.“

 

Ich wünsche Ihnen und Euch inmitten allem Lauten und Rätselhaften immer wieder eine Oase mit Weisheit erfüllter Stille.

 

Frank Waterstraat

 

Weisheit
Gedanken aus der evangelischen Polizeise
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P. Frank Waterstraat

 

Weisheit

 

 

„Wenn es jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.“ – so steht es im Neuen Testament im Brief des Jakobus, Kapitel 1, Vers 5.

  

Ich bin etwas unsicher, ob ich Ihnen wieder Gedanken aus unserer ev. Polizeiseelsorge mit auf den Weg geben soll. Es wird so viel geredet, geschrieben und gestritten. Man bekommt Meinung über Meinung im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen und im Internet präsentiert und im eigenen beruflichen und privaten Umfeld. Experten, tatsächliche und selbsternannte, geben einander nicht nur die Klinken zu den Studios der Talkshows in die Hand, sondern auch den Zugang zu digitaler oder verschriftlichter Präsenz. Gut möglich, dass eine Maßnahme auf höchster politischer Ebene beschlossen und noch am selben Tag von einem Teilnehmer genau dieser Runde in Frage gestellt wird. Oder ein mit der Aura der Wissenschaftlichkeit geschmücktes Institut taucht auf und bezweifelt, was gerade europaweit gilt. Also noch eine Meinung dazu beisteuern?

 

 Ich riskiere es und fasse mich kurz:

 

Das Gebet um Weisheit, wie es der Jakobus-Brief empfiehlt, scheint mir neben der Pandemie-Bekämpfung mit das Sinnvollste zu sein, was wir tun können. Die aktuelle Unübersichtlichkeit bedarf der möglichst vorurteilsfrei prüfenden, klugen Betrachtung. Dafür sind Zeiten und Räume der Stille nötig. Es kann helfen, in Zeiten höchster Anspannung, wenn es möglich ist, aus allem heraus zu treten, sich zurück zu nehmen und zu versuchen, zur Ruhe zu kommen. Ein Bild, eine Kerze, Musik, ein Gang an ruhigem Ort, eine geöffnete Kirche, was es auch sei, das persönlich passt, kann dazu beitragen. Es wäre auch die Gelegenheit zu beten, wie es in Kopf und Herz aufscheint. Wem das nicht gegeben ist, der darf glauben, dass die Ruhe gut tun wird und Gott, das sage ich als Pastor, diesen Menschen freundlich ansieht. Und jeder darf beten oder bitten, dass Weisheit erlangt werde. Da wir das große Ganze nicht ändern können, sind wir an uns selbst gewiesen. Wenn wir selbst Weisheit erlangen und entsprechend handeln, ergibt es ein gutes Mosaiksteinchen im großen Bild. Auf diese Weise können die vielen einzelnen Steine das Bild zum besseren verändern. Es kommt auf jeden Menschen an. Wir sind alle wertvoll, vor Gott und den Menschen. Daher sind wir der Bemühung um Weisheit wert. Sie ist in der Bibel und in der Philosophie ein zentrales Gut. Bitten wir Gott darum. Oder, wie es in den achtziger Jahren an einer Mauer in Göttingen nahe dem Theologicum gesprüht stand: Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Über den Stil lässt sich streiten, über den Inhalt nicht. Und der Jakobus-Brief geht schlicht davon aus, dass dieses Gebet erhört werden wird. Es ist an uns, es zu sprechen, sei es laut oder leise:

 

 „Wenn es jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern und ohne Vorwurf gibt; so wird sie ihm gegeben werden.“

 

Ich wünsche Ihnen und Euch inmitten allem Lauten und Rätselhaften immer wieder eine Oase mit Weisheit erfüllter Stille.

 

 Frank Waterstraat

Abstinenz an Weihnachten
Gedanken der ev Polizei- und Zollseelsor
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P. Frank Waterstraat

 

Verstand contra Hochmut

 

Historische Vergleiche sind mit Vorsicht zu ziehen, weil die aufeinander bezogenen Situationen nicht identisch sind und es auch nicht sein können. Dennoch sollte es erlaubt sein, über Wirkfaktoren in einer zurückliegenden und einer aktuellen Lage nachzudenken. Ich wage den Versuch mit dem Blick auf die Rolle des Verstandes und beziehe mich auf die Zeit heute und nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Meine Eltern schilderten den Krieg und seine Folgen aus eigenem Erleben. Mein Vater war seit 1943 Soldat, meine Mutter floh im Winter 1945 mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und deren sechs Monate alter Tochter von Pommern aus in den Westen. Meine Großmutter war Geburtsjahrgang 1898 und konnte noch von den Folgen der britischen Blockade im Ersten Weltkrieg erzählen, im Zweiten war sie leitende Krankenschwester in einem Lazarett. Berichte aus diesen Zeiten waren nicht heroisierend, sondern sachlich. In einer Situation lief mir ein Schauer über den Rücken, als mein Vater vom Dresdner Feuersturm berichtete, seine Stimme veränderte sich so, dass ich dachte, ein Fremder spricht. Diese Generationen haben einschneidende, brutale Erfahrungen gemacht von Verwundung, Tod, Flucht, Verlust der Heimat, Hunger, Bedrohung und Angst. Manche, wie meine Großmutter, gleich zwei Mal in ihrem Leben, in der Jugend und in mittleren Jahren, meine Eltern in der Jugend. Als ich älter wurde, erzählten sie mehr, irgendwann habe ich angefangen, über diese Zeit zu lesen, Museen zu besuchen und von anderen Zeitzeugen zu lernen. Ich möchte mich auf einen Aspekt dessen, was ich meine gelernt zu haben, konzentrieren und eine These aufstellen: Diese Generationen, wenn sie nicht schwer traumatisiert und beschädigt waren an Seele, Körper und Geist, waren bei Verstand. Sie hatten gelernt, im Rahmen allgemeiner menschlicher Fehlbarkeit wichtig von unwichtig, machbar von nicht machbar, klug von unklug zu unterscheiden. Die schwersten Verbrechen dieser Generationen seien in keiner Weise in Zweifel gezogen. Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht mir darum, wie diese Menschen in einem zerstörten Land ihr Leben angefasst und neu aufgestellt haben. Meine Vorfahren besaßen am 8. Mai 1945 entweder, was sie am Leib trugen oder für vier Personen auf einen Planwagen passte. Damit erarbeiteten sie sich das Allernötigste, tauschten, handelten, unterstützten einander. Ein Ei, ein Bier, eine Wurst, ein Brot, ein paar stabile Schuhe, ein – tatsächlich eine Sensation – Fahrrad, das waren Wegpunkte in einem harten, entbehrungsreichen Alltag. Heute Selbstverständliches war großer Luxus, z. B. essen zu gehen, einen einfachen Sonntagsausflug zu unternehmen oder in einer von der Besatzungsmacht zugewiesenen Unterkunft unter sich sein zu können. Es ging langsam, aber stetig bergauf. Mein Vater arbeitete als Helfer in der Landwirtschaft, machte eine Lehre als Maurergeselle, um dann an der Fachhochschule den Ingenieur (grad.) zu erwerben. Meine Mutter ging zur Bank arbeiten, meine Großmutter malte Porträts. Das mag für heutige Ohren so klingen, daß man denkt: „Na und?“ Vorsicht – wer das denkt, führe sich die Bilder vor Augen, die aus der Luft den Zustand deutscher Städte in dieser Zeit dokumentieren. Und vergesse nicht, welcher Selbstdisziplin es bedurfte, schreckliche Erlebnisse nicht übermächtig werden lassen und für sich selbst und ggf. andere Familienmitglieder zu sorgen, ohne dass es heutige umfassende staatliche Hilfen und Sicherungssysteme gegeben hätte.

 

Ich bin mir im Rückblick sicher, dass dabei auch ein realitätsbezogener und trainierter Verstand eine entscheidende Rolle gespielt hat. Ohne ihn mache ich keine Lehre, absolviere kein Studium, arbeite nicht bei einer Bank und male auch keine Porträts, mit denen ich Geld verdienen kann. Ohne ihn überlebe ich auch keine Flucht und keine hoch brisante Mangelsituation nach Kriegsende.

 

Wenn später Entscheidungen grundsätzlicher Tragweite zu treffen waren, war immer die Frage nach der Richtigkeit, dem Nutzen und den eigenen Möglichkeiten zu stellen. Mein Vater, dem Lateinischen sonst eher aufgrund schulischer Erfahrungen nicht zugetan, zitierte dann: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. - Was auch immer du tust, tu es klug und bedenke das Ende (die Folgen).“[1] Ich halte diesen Imperativ für schlicht richtig. Was du tust – bedenke die Folgen. Wer so handelt, handelt verstandesgemäß.

 

Meine Vorfahren kann ich nicht mehr zur gegenwärtigen Corona-Lage befragen. Über Politik wurde kontrovers gesprochen. Aber eines halte ich für sicher: Sie wären nicht losgezogen, um vorsätzlich, ohne Skrupel und rücksichtslos staatlicherseits angeordnete Maßnahmen zu unterlaufen. Die vorsätzliche Erosion einer Anordnung, die ein freiheitlich-demokratisch legitimiertes Staatswesen beschlossen hat, wäre nicht in Frage gekommen. Hätte ich das getan, hätte man mich gefragt, ob ich noch bei Verstand wäre (durchaus auch ruppiger formuliert).

 

Ich habe nicht den größenwahnverdächtigen Anspruch, genau zu wissen, was richtig ist. Aber bestimmte Regeln einzuhalten, dämmt das Virus ein. Wer noch bei Verstand ist, kann nichts anderes wollen. Und angesichts dessen, was Kriegsgenerationen durchgemacht haben, kann ich Lamentieren über das zeitweilige Ende mancher Freizeitaktivitäten nicht mehr hören (aber verstehe vollkommen die Klagen der in ihrer Existenz bedrohten Betriebe). Ich bin fassungslos über die, die ohne Verstand sich und andere in Gefahr bringen. Hätten Menschen, die heute großspurig meinen, den Verstand ausschalten zu dürfen, vor 75 Jahren das Sagen gehabt, wären wir wohl untergegangen. Im alttestamentlichen Buch der Sprüche heißt es lapidar: „Hochmut kommt vor dem Fall.“[2] Ich vermute, meine Eltern und Großeltern hatten diesen Satz nach ihren Erfahrungen verinnerlicht und benutzten in Demut ihren Verstand, um ihre Grenzen nicht zu überschreiten.

 

Gerade jetzt ist es die oft sehr unangenehme Aufgabe der Polizei, die Hochmütigen in die Schranken zu weisen um unserer aller willen und um den „Fall“ zu verhindern.

 

Wenn unsere Polizei so handelt, handelt sie biblisch und gesellschaftlich richtig.

 

Mögen Sie alle darin behütet bleiben. Seien Sie gesegnet.

 

Ihr

 

P. Frank Waterstraat mit dem Team des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll

 

 

 

 

[1] Diese Sentenz findet sich in der spätmittelalterlichen Sammlung Gesta Romanorum (deutsch: „Taten der Römer“) und könnte zurückgehen auf Äsops Fabel 45.

 

[2] Sprüche 16, 18b

 

Verstand contra Hochmut, Verfasser: F.Waterstraat
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