P. Frank Waterstraat

 

Verstand contra Hochmut

 

Historische Vergleiche sind mit Vorsicht zu ziehen, weil die aufeinander bezogenen Situationen nicht identisch sind und es auch nicht sein können. Dennoch sollte es erlaubt sein, über Wirkfaktoren in einer zurückliegenden und einer aktuellen Lage nachzudenken. Ich wage den Versuch mit dem Blick auf die Rolle des Verstandes und beziehe mich auf die Zeit heute und nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Meine Eltern schilderten den Krieg und seine Folgen aus eigenem Erleben. Mein Vater war seit 1943 Soldat, meine Mutter floh im Winter 1945 mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und deren sechs Monate alter Tochter von Pommern aus in den Westen. Meine Großmutter war Geburtsjahrgang 1898 und konnte noch von den Folgen der britischen Blockade im Ersten Weltkrieg erzählen, im Zweiten war sie leitende Krankenschwester in einem Lazarett. Berichte aus diesen Zeiten waren nicht heroisierend, sondern sachlich. In einer Situation lief mir ein Schauer über den Rücken, als mein Vater vom Dresdner Feuersturm berichtete, seine Stimme veränderte sich so, dass ich dachte, ein Fremder spricht. Diese Generationen haben einschneidende, brutale Erfahrungen gemacht von Verwundung, Tod, Flucht, Verlust der Heimat, Hunger, Bedrohung und Angst. Manche, wie meine Großmutter, gleich zwei Mal in ihrem Leben, in der Jugend und in mittleren Jahren, meine Eltern in der Jugend. Als ich älter wurde, erzählten sie mehr, irgendwann habe ich angefangen, über diese Zeit zu lesen, Museen zu besuchen und von anderen Zeitzeugen zu lernen. Ich möchte mich auf einen Aspekt dessen, was ich meine gelernt zu haben, konzentrieren und eine These aufstellen: Diese Generationen, wenn sie nicht schwer traumatisiert und beschädigt waren an Seele, Körper und Geist, waren bei Verstand. Sie hatten gelernt, im Rahmen allgemeiner menschlicher Fehlbarkeit wichtig von unwichtig, machbar von nicht machbar, klug von unklug zu unterscheiden. Die schwersten Verbrechen dieser Generationen seien in keiner Weise in Zweifel gezogen. Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht mir darum, wie diese Menschen in einem zerstörten Land ihr Leben angefasst und neu aufgestellt haben. Meine Vorfahren besaßen am 8. Mai 1945 entweder, was sie am Leib trugen oder für vier Personen auf einen Planwagen passte. Damit erarbeiteten sie sich das Allernötigste, tauschten, handelten, unterstützten einander. Ein Ei, ein Bier, eine Wurst, ein Brot, ein paar stabile Schuhe, ein – tatsächlich eine Sensation – Fahrrad, das waren Wegpunkte in einem harten, entbehrungsreichen Alltag. Heute Selbstverständliches war großer Luxus, z. B. essen zu gehen, einen einfachen Sonntagsausflug zu unternehmen oder in einer von der Besatzungsmacht zugewiesenen Unterkunft unter sich sein zu können. Es ging langsam, aber stetig bergauf. Mein Vater arbeitete als Helfer in der Landwirtschaft, machte eine Lehre als Maurergeselle, um dann an der Fachhochschule den Ingenieur (grad.) zu erwerben. Meine Mutter ging zur Bank arbeiten, meine Großmutter malte Porträts. Das mag für heutige Ohren so klingen, daß man denkt: „Na und?“ Vorsicht – wer das denkt, führe sich die Bilder vor Augen, die aus der Luft den Zustand deutscher Städte in dieser Zeit dokumentieren. Und vergesse nicht, welcher Selbstdisziplin es bedurfte, schreckliche Erlebnisse nicht übermächtig werden lassen und für sich selbst und ggf. andere Familienmitglieder zu sorgen, ohne dass es heutige umfassende staatliche Hilfen und Sicherungssysteme gegeben hätte.

 

Ich bin mir im Rückblick sicher, dass dabei auch ein realitätsbezogener und trainierter Verstand eine entscheidende Rolle gespielt hat. Ohne ihn mache ich keine Lehre, absolviere kein Studium, arbeite nicht bei einer Bank und male auch keine Porträts, mit denen ich Geld verdienen kann. Ohne ihn überlebe ich auch keine Flucht und keine hoch brisante Mangelsituation nach Kriegsende.

 

Wenn später Entscheidungen grundsätzlicher Tragweite zu treffen waren, war immer die Frage nach der Richtigkeit, dem Nutzen und den eigenen Möglichkeiten zu stellen. Mein Vater, dem Lateinischen sonst eher aufgrund schulischer Erfahrungen nicht zugetan, zitierte dann: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. - Was auch immer du tust, tu es klug und bedenke das Ende (die Folgen).“[1] Ich halte diesen Imperativ für schlicht richtig. Was du tust – bedenke die Folgen. Wer so handelt, handelt verstandesgemäß.

 

Meine Vorfahren kann ich nicht mehr zur gegenwärtigen Corona-Lage befragen. Über Politik wurde kontrovers gesprochen. Aber eines halte ich für sicher: Sie wären nicht losgezogen, um vorsätzlich, ohne Skrupel und rücksichtslos staatlicherseits angeordnete Maßnahmen zu unterlaufen. Die vorsätzliche Erosion einer Anordnung, die ein freiheitlich-demokratisch legitimiertes Staatswesen beschlossen hat, wäre nicht in Frage gekommen. Hätte ich das getan, hätte man mich gefragt, ob ich noch bei Verstand wäre (durchaus auch ruppiger formuliert).

 

Ich habe nicht den größenwahnverdächtigen Anspruch, genau zu wissen, was richtig ist. Aber bestimmte Regeln einzuhalten, dämmt das Virus ein. Wer noch bei Verstand ist, kann nichts anderes wollen. Und angesichts dessen, was Kriegsgenerationen durchgemacht haben, kann ich Lamentieren über das zeitweilige Ende mancher Freizeitaktivitäten nicht mehr hören (aber verstehe vollkommen die Klagen der in ihrer Existenz bedrohten Betriebe). Ich bin fassungslos über die, die ohne Verstand sich und andere in Gefahr bringen. Hätten Menschen, die heute großspurig meinen, den Verstand ausschalten zu dürfen, vor 75 Jahren das Sagen gehabt, wären wir wohl untergegangen. Im alttestamentlichen Buch der Sprüche heißt es lapidar: „Hochmut kommt vor dem Fall.“[2] Ich vermute, meine Eltern und Großeltern hatten diesen Satz nach ihren Erfahrungen verinnerlicht und benutzten in Demut ihren Verstand, um ihre Grenzen nicht zu überschreiten.

 

Gerade jetzt ist es die oft sehr unangenehme Aufgabe der Polizei, die Hochmütigen in die Schranken zu weisen um unserer aller willen und um den „Fall“ zu verhindern.

 

Wenn unsere Polizei so handelt, handelt sie biblisch und gesellschaftlich richtig.

 

Mögen Sie alle darin behütet bleiben. Seien Sie gesegnet.

 

Ihr

 

P. Frank Waterstraat mit dem Team des Kirchlichen Dienstes in Polizei und Zoll

 

 

 

 

[1] Diese Sentenz findet sich in der spätmittelalterlichen Sammlung Gesta Romanorum (deutsch: „Taten der Römer“) und könnte zurückgehen auf Äsops Fabel 45.

 

[2] Sprüche 16, 18b

 

Verstand contra Hochmut, Verfasser: F.Waterstraat
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"Verstand contra Hochmut"

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