A Midsummer Night's Dream
Träume haben keine Vorgeschichte. Man ist ganz plötzlich mitten drin in den Ereignissen, die gleichsam aus dem Dunkel der Nacht unter dem Himmel des Träumenden auftauchen.
Da ist die Familie mit Kindern und Kindeskindern. Die alte Mutter hat überraschenderweise ihre Demenz überwunden. Sie sitzt auch nicht mehr nur teilnahmslos in ihrem Sessel im Altenheim. Vielmehr läuft sie im Haus umher, besucht Mitbewohner, organisiert gemeinsame Feste und Feiern und zieht sich anschließend in ihr kleines Appartement zurück, wo sie in Ruhe den Dingen nachgehen kann, die in dem enger werdenden Zeitraum für sie wichtig werden. „Aufräumungsarbeiten“ nennt sie das, und: „der Wahrheit ins Gesicht sehen“.
Szenenwechsel: Der vierjährige Urenkel Bastian sitzt auf dem Schoß seines Vaters. Sie führen ein ernstes Gespräch, das aus tiefster Kinderseele kommt. Seit zwei Jahren muss er seine ohnehin räumlich enge Welt in der kleinen Stadtwohnung mit seiner Schwester Jana teilen. Doch damit nicht genug, nimmt diese ihm auch eine riesige Portion elterlicher Aufmerksamkeit und Zuneigung weg. „Duhu“, kommt es ganz langsam und in kurzen Stößen aus der tiefsten Grube seines Herzens, „warum darf Jana mir alles kaputt machen?“ An diesem Abend werden seine Eltern noch eine ganze Weile über jene schwere Frage nachdenken, wie eine Kinderseele behutsam auf die Wirklichkeit des Lebens vorbereitet wird und welchen Preis man als Eltern dafür zu zahlen bereit ist, bzw. wohl zu zahlen bereit sein muss.
Erneuter Szenenwechsel: der Sommer zeigt sich von seiner freundlichen Seite. Tagsüber scheint die Sonne in einer Weise, dass es der Garten ohne Verbrennungsgefahr ertragen kann und auch der frisch gepflanzte Straßenbaum in der Siedlung wiegt sich zufrieden im lauen Sommerwind. Denn Nacht für Nacht fällt milder Regen, der den Urlaub nicht durchnässt und den Garten nicht zur Wüste werden lässt.
Und auch der Nachbar, der einem an jedem freundlichen Tag mit seinem schrecklichen Grillfleisch-Geruch die Röte in das beschattete Gesicht trieb, ist von ganz allein darauf gekommen, dass gute Nachbarschaft etwas Wichtiges ist und dass man rücksichtsvoll mit den Menschen jenseits des Zaunes umgehen muss.
Und dann:Am Abend hält die Bundeskanzlerin ihre tägliche Fernsehansprache an die Bürger, den Souverän des Landes. Sie bedauert, was alles wieder schief gelaufen ist. Ungeschönt erklärt sie, dass die Art und Weise, wie man bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten vorgegangen ist, ein Fehler war. Sie hätte zu sehr ihren eigenen Machterhalt und nicht die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen im Blick gehabt. Sie sei aber dabei von der Sorge geleitet gewesen, für einen anderen Politiker im Bundeskanzleramt Platz machen zu müssen, der die Demokratie noch viel mehr gefährden würde, als es aktuell ohnehin der Fall sei. Und dann sagte sie, sie habe dies alles schon längst einmal los werden wollen, sich aber nicht richtig getraut. Immerhin, in einem Print-Magazin habe sie eine bisher ungehaltene Rede zur Veröffentlichung frei gegeben, aus der sie jetzt eine Passage zitieren wolle: „In unserem Staat haben sich drei Welten etabliert: Wirtschaft, Politik und Sie, das Volk. Jede lebt nach ihren eigenen Regeln, nach ihrer eigenen Rationalität. Waren die Grenzen dazwischen bis vor einiger Zeit noch durchlässig, spricht heute niemand mehr mit dem anderen. Und wenn doch, dann meist in Form von Beschimpfungen: die Politik gegen asoziale Manager, die Wirtschaft gegen ahnungslose Politiker und das Volk pauschal gegen »die da oben«.
Diese laut tönende Sprachlosigkeit müssen wir überwinden. Das geht nur, wenn wir ehrlich zu uns sind.“
Ob es das war, dieser letzte Satz über das schwere und schwierige Wort „Ehrlichkeit“, der das ohnehin zarte Traumgeflecht zerrissen hat? Wer weiß. Aber, es war ein Traum, der – anders als viele andere Träume – nicht einfach platzt, wie eine Seifenblase und im Nu aus dem Sinn ist.
In einem zeitgenössischen Lied heißt es: „Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.“
Dem muss man nichts hinzufügen, auch dann nicht, wenn der Traum einen erneut in die Wirklichkeit entlässt.

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(Letzte Aktualisierung:
29.07.2010)