„Schaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gefestigten Geist.“
Frühjahrsputz fürs Denken
Liebe Besucher und Besucherinnen unserer Homepage,
es ist Frühling und viele Menschen spüren ein Drängen, zu diesem Zeitpunkt im Jahr ihr Haus von oben bis unten zu säubern: der berühmte Frühjahrsputz. Für die Vorbereitung eines Seminars beschäftige ich mich derzeit mit dem sog. „Sokratischen Dialog“ und stellte mir die Frage, ob diese Zeit nicht auch ein guter Anlass wäre, das eigene Denken einer Reinigungskur zu unterziehen. Ich vermute, dass auch Sie das kennen, wenn man mit den immer gleichen Befürchtungen, Sorgen oder Ärgernissen durch die Welt geht. Wir regen uns auf über dieses, meinen, dass jenes immer schlechter wird oder dass wieder jenes auch nicht mehr das ist, was es mal war. Nur X ändert sich nie und Y hat mich gestern auch wieder nicht gegrüßt – typisch!
Im Sokratischen Dialog hinterfragen die Gesprächspartner ihre angeblich so eindeutigen Meinungen. Nehmen wir als Beispiel meinen Eingangssatz, in dem ich behaupte, dass „viele Menschen ein Drängen“ verspüren würden, „zu diesem Zeitpunkt ihr Haus von oben bis unten zu säubern“. Meine Gesprächspartnerin würde mich nun fragen: „Was meinst du mit „viele Menschen“? Hast du ein Beispiel?“ Dann ginge es an die Vorannahmen: „Woher kommt diese Überzeugung? Hast du das selbst gesehen oder von anderen übernommen?“ In einem weitern Schritt würde sie Fragen nach Belegen stellen: „Wie sicher bist du dir auf einer Skala von 1 bis 10?“, gefolgt von Fragen nach alternativen Sichtweisen: „Wer könnte das anders sehen und warum?“ Dann würde sie nach Konsequenzen fragen: „Wenn das so ist, was bedeutet es für dein Handeln?“, und am Ende den gesamten Gesprächsprozess reflektieren: „Welche Frage würdest du dir selbst stellen?“
Auf diese Weise kann ich mich auch selbst hinterfragen, damit zugleich meine „alten“ Widrigkeiten und Vorurteile, um sie endlich einmal zu klären, vielleicht loszuwerden oder ihnen zumindest den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Hör auf zu glauben, was du denkst“, lautet der Titel eines Buches des Autors Joseph Ngyen, und der Titel ist Programm. „Schaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gefestigten Geist.“ – so formuliert es der Beter des 51. Psalms. Die Fenster aufreißen, ausmisten, aufräumen und durchlüften – im Haus wie im Geist: Frühling auf allen Ebenen. Den wünsche ich Ihnen!
Axel Kullik
Seelsorger in der PD Oldenburg und der Region Ostfriesland