Monatsspruch März 2026
"Da weinte Jesus"
Johannes 11:35
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein so kurzer Monatsspruch ist mir glaube ich in über 30 Dienstjahren noch nie begegnet. Ein lapidares, wahrlich knappes Wort aus der Passionsgeschichte innerhalb des Johannesevangeliums. Nur drei Worte! Und doch ist der Satz aussagekräftig und inhaltsreich. Übrigens, an der Stelle, wo dies einst Jesus ‚passiert‘ ist, steht heute eine Kirche mit dem lateinischen Namen Dominus flevit (‚Der Herr weint‘). Wahrscheinlich ist es die einzige weltweit, die diesen Namen trägt.
Natürlich führt uns dieser Monatsspruch in Richtung Karfreitag und Ostern und verbindet sich mit dem Gedenken an die Passions- , also die Leidensgeschichte Christi. Doch Jesus weint nicht, was nur allzu verständlich wäre, über sein Schicksal, das sich da in der Karwoche in Jerusalem erfüllen wird. Sondern er weint, darin sind sich alle Evangelien einig, über das Schicksal der Stadt Jerusalem und der dort lebenden Menschen. An einer bestimmten Stelle kurz vor den Toren der Stadt wird er anscheinend ‚von den Tränen überwältigt‘, wie man gemeinhin sagt. Kurz vor dem Eintreffen an dem Ort, zu dem er mit den Jüngern vor Wochen schon aufgebrochen ist.
Als modernen, professionell agierenden Menschen erscheinen uns unsere Tränen, wenn sie denn fließen, meistens unpassend. Natürlich auch aufgrund erlernter Rollenmuster. Wir wischen sie rasch verschämt weg und hoffen, dass niemand uns in diesen Momenten gesehen hat. Und doch erleben wir genau das hin und wieder doch auch an uns. Zum Beispiel, wenn wir an einem Unfallort eintreffen und ein Kind betroffen ist. Wenn wir etwas erleben oder mitansehen, was erbarmungswürdig ist und uns im Kern unseres Menschseins unmittelbar ergreift. Wenn wir Mit-Leiden mit anderen und deren Schicksal uns anrührt. - Ja, als Funktionsträger von Staat bzw. Kirche wollen wir gern „über den Dingen stehen“ und die sonst ja auch so wichtige wie richtige professionelle Distanz wahren, uns nicht einfach so ‚übermannen‘ lassen. - Doch manchmal sind unsere Gefühle stärker; und wir brauchen uns dafür auch nicht zu schämen. Das Fließen unserer Tränen zeigt, dass wir als beseelte Geschöpfe mehr sind als eben bloße Funktionsträger und dass man manchmal nicht so Herr der Lage sein kann, wie man vielleicht dachte. Immerhin sind darin sogar mit Jesus Christus verbunden, dessen menschliche Seite an dieser Stelle im Evangelium so deutlich hervortritt wie vielleicht nirgends sonst.
Ich wünsche Ihnen, uns allen dennoch eine hoffentlich tränenfreie Passions- und dann Osterzeit
Pastor Andreas Dreyer
Kirchlicher Dienst in Polizei und Zoll