Impuls

Grenzerfahrung

Die Kirche beim Blaulicht-Gottesdienst ist gut gefüllt. Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe tritt ans Mikrofon. Er will von seinen Erfahrungen berichten. Er liest nicht vom Zettel ab, sondern er spricht frei – ganz persönlich und authentisch.

Es war auf einem Krankentransport, so berichtet der Johanniter, als er den Auftrag hatte, einen Patienten zu einer Behandlung ins Krankenhaus zu fahren. Darin hatten alle Routine, denn es kam öfter vor, dass der schwer an Krebs erkrankte Mann seine Therapien im Krankenhaus bekam. Die beiden kamen ins Gespräch und lachten sogar, so dass die Fahrt ins Krankenhaus durchaus vergnüglich war. Es gab keine medizinischen Komplikationen und die Fahrt im Krankentransportwagen schien eine Routineangelegenheit zu sein. Aber direkt vor der Tür des Krankenhauses schloss der Patient die Augen und verstarb. Sofort brachten sie den Patienten in den Schockraum, um ihn dort zu reanimieren. Zum Glück, so sagt der Johanniter heute, war dort eine Ärztin, die den Patienten zufällig kannte und fragte in die Runde, ob es gute Gründe gäbe, die Reanimation hier nicht abzubrechen. Die Wiederbelebungsversuche wurden eingestellt. Der Patient war tot.

Das war für den Johanniter in dem Augenblick schwer zu ertragen. Eben noch unterhielt er sich fröhlich mit dem Patienten auf der Trage. Jetzt ist das Leben einfach weg! Endgültig.

Solche oder ähnliche Grenzerfahrungen machen viele Einsatzkräfte aus der Blaulichtfamilie. Es geht oft um das Aushalten der Ohnmacht und Hilflosigkeit, obwohl man ja da ist, um zu helfen.

Im Vaterunser heißt eine Zeile „und erlöse uns von dem Bösen“ und man müsste noch für Einsatzkräfte ergänzen „und befreie uns von der Ohnmacht“. Die Momente der Hilflosigkeit zeigen Grenzen auf: Hier ist unsere Macht am Ende.

Im November wagen wir den Schritt, uns dem Schmerz der Trauer und der Machtlosigkeit auszusetzen. Wir gedenken der Verstorbenen der Weltkriege, den Opfern von Gewalt und Terror. Wir denken als KDPZ aber auch namentlich an die verstorbenen Kolleginnen und Kollegen aus Polizei und Zoll der letzten zwölf Monate in einem zentralen Gottesdienst in Hannover am 18. November.

Die Hoffnung ist, auch in der Grenzerfahrung Trost zu finden, den wir in Psalm 73 zugesprochen bekommen: Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil (Psalm 73,26). 

Herzlichst, Ihr

Marcus Christ, Pastor

 

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